"Eine Reihenbildung der Mittel und Ziele ist nämlich nur in dem Maße möglich, wie das Subjekt zum zeitlichen Ordnen fähig ist."
J. Piaget 1974, Der Aufbau der Wirklichkeit beim Kinde




Abb.: Spontane Mitteilung des Kindes beim Durchblättern eines Bilderbuches (Alter: 2;3). Es zeigt sich (wie auch in anderen Alltagssituationen), dass Bezugspersonen in diesem Altersbereich Zahlwörter "einführen", wenn optisch eine gute Erfassbarkeit erkennbar ist.


Der Wortschatz für Zahlen und Mengen entwickelt sich ab Vollendung des zweiten Lebensjahres vor dem Hintergrund des sich anbahnenden kognitiven Grundverständnisses von

- "Anzahl von etwas" (Kardinalität: eins, zwei, drei.... )

- "Aufeinanderfolge von etwas" (Ordinalität: erster, zweiter, dritter,...)

- "Zusammengehörigkeit von etwas" (Erkennen der Beziehung zwischen Teil und Ganzem)



Abb.: Vereinfachte Darstellung des sich entwickelnden Zahl-und Mengenverständnisses

In der spontanen Sprache werden zunehmend Zahlwörter und Mengenangaben hörbar, die aber zunächst semantisch oft noch nicht zutreffend sind. Es ist der Zeitpunkt, zu dem auch erste Pluralmarkierungen bei Substantiven auftreten (siehe Flexion) und ein erstes Zeitverständnis vorhanden ist.
Vor und in dieser Zeit sind in der an das Kind gerichteten Sprache häufiger folgende Zahl- und Mengenbezeichnungen vorhanden:

    Unbestimmte Angaben ohne Zeitbezug:

  • viele, alles, mehrere, einige, welche, wenige,...
  • Unbestimmte Angaben mit Zeitbezug:

  • öfters, selten, mehrmals, häufig,...
  • Bestimmte Angaben ohne Zeitbezug:

  • eins, zwei, drei,...(Kardinalzahlen)
  • erste(r), zweite(r), dritte(r),...(Ordinalzahlen)
  • Bestimmte Angaben mit Zeitbezug:

  • in zwei Tagen, noch eine Stunde, in 10 Minuten, zweimal schlafen,...
  • nach der ersten Woche, die zweite gemeinsame Reise...(seltener, aber in der Vorlesesprache schon hörbar)
  • Angaben zur doppelten Identität:

  • "sind die gleichen", "sehen genauso aus", "das sind dieselben",...
  • Angaben zur Zusammengehörigkeit:

  • "die gehören zusammen", "das passt nur hier", "nur die zwei gehören hierher",...


Auf die starke Abhängigkeit der Entwicklung des numerischen Verständnisses von täglichen Erfahrungen in der häuslichen Umgebung weisen JORDAN und LEVINE (2009) hin. DEHAENE (2009) zeigt auch eine kulturelle Abhängigkeit auf. Unter Bezug auf die Analysen von GORDON beschreibt er z.B., dass die Piraha (im Amazonasgebiet lebend) nur ein Zahl-/Mengenlexikon mit Ausdrücken für "Eins, zwei, viele" besitzen. Die Kinder werden sozusagen auf diese Begrenzung sozialisiert.




Abb.: Im Alter von 4;5 Jahren teilt das Kind mit, wie lange es noch auf dem Spielplatz bleiben möchte.


Situationen im Alltag, in denen Äußerungen von Bezugspersonen einen Bezug auf Zahlen und Mengen herstellen und ihn damit auch befördern:

  • ein bestimmtes Objekt benennen ("Dort liegt ein roter Baustein!" [nicht zwei] oder "Dort liegt einer!")
  • eine unbestimmte und bestimmte Menge kennzeichnen (viele, alle, alles, "Die zwei Autos dort.",...)
  • einen weiteren gleichen Gegenstand hinzufügen (z.B. beim gemeinsamen Bauen "Das ist derselbe.")
  • Mengen vergleichen und zuteilen (z.B. Memo-Karten, Bausteine, Spielgeld, Gummibärchen,....)
  • bei Zeitangaben (noch einmal schlafen, in fünf Minuten...)
  • eine Reihenfolge / Rangfolge mit Ordnungszahlen festlegen/benennen und Vergleiche herstellen (z.B. beim Spiel: der Erste, der Zweite, der Zweite ist größer,...)
  • Zusammengehörigkeiten verdeutlichen (z.B. beim Puzzlespiel: der/das gehört hierher - zu den anderen, das Teil passt nur hier,...)
  • .....




ALTER:       1:11
SITUATION:   Das Kind zeigt auf zwei Teile einer
             ursprünglich aus drei Teilen
             bestehenden Plasikfigur (Katze) und äußert
             bis die Mutter reagiert:
KIND:        Sin dei, grei, ja, sin grei? (sind drei)
ERWACHSENER: Was?
KIND:        Sin grei? Ja?
ERWACHSENER: Was soll ich machen?
KIND:        Sin drei.
ERWACHSENER: Ja, da sind drei eigentlich.
ALTER:       2:1
SITUATION:   Das Kind legt Malstifte in ein neues
             aufgeschlagenes Buch und äußert:
KIND:        As reinräum, Alles reinräum!
ERWACHSENER: Hast alles da reingelegt!
KIND:        Ja.
ALTER:       2:5
SITUATION:   Das Kind zeigt auf eine Abbildung mit einer
             Katze und äußert:
KIND:        Vier Mäuse, oh, vier Mäuse.
ERWACHSENER: Vier Mäuse, wo sind vier Mäuse?
KIND:        Hier vier Mäuse [zeigt]
ERWACHSENER: Hm.
ALTER:       2:6
SITUATION:   Das Kind zeigt auf einen aus Münzen gelegten
             "Bus" und äußert:
KIND:        Viele Rädern, da!
ERWACHSENER: Hast du den ganz alleine gebaut?
KIND:        Mama, hier viele Rädern, hier viele Rädern.




Abb.: Das Kind (Alter 2;6 Jahre) zählt laut, nachdem es drei Autos in einer Reihe aufgestellt hat.

Eine interessante Beobachtung machte bereits PREYER (1882 [Original], 1989 [Nachauflage]): "Das Kind fing nämlich am 878. Lebenstage plötzlich ganz von selbst an, seine neun Kegel zu zählen, indem es, sie einzeln ergreifend und nacheinander zusammenstellend, bei jedem sagte 'eins! eins! eins! eins! eins! noch eins! noch eins! noch eins! noch eins!'. Die Funktion des Addierens ist also da ohne Benennung der Summen." (S.328)




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Autor: Bernd Reimann © 1998-2018