"Keiner denkt bei dem Wort gerade und genau das, was der andere, und die noch so kleine Verschiedenheit zittert, wie ein Kreis im Wasser, durch die ganze Sprache fort. Alles Verstehen ist daher immer zugleich ein Nicht-Verstehen, alle Übereinstimmung in Gedanken und Gefühlen zugleich ein Auseinandergehen."
W. v. Humboldt um 1830, Schriften zur Sprache




Abb.: Angebot eines neuen Wortes beim Bilderbuch-Dialog (Alter: 3;0)


Wörter sind die Grundbestandteile einer Sprache. Metaphorisch gesehen, sind sie mit Steinen für einen Hausbau vergleichbar: Jeder Stein hat für sich eine Funktion, er ist jedoch dazu da, mit anderen zu einem Ganzen, einer größeren Funktionseinheit, kombiniert zu werden. Mit den Wörtern verhält es sich ähnlich. Sie sind eine Grundvoraussetzung dafür, dass sprachliche Sinneinheiten für den kommunikativen Austausch in Form von Sätzen, Phrasen, Wendungen, Ausrufen, Geschichten (Narratives), Mitteilungen u.a. zusammengefügt werden.
Der lexikalische Bestand einer Sprache lässt sich u.a. in die zwei folgenden Kategorien einteilen:

  • Inhaltswörter (Substantive, Verben, Adjektive, Adverbien) und
  • Funktionswörter (Artikel, Partikeln, Präpositionen, Konjunktionen, Modalwörter...)

Zu dem hier aufgeführten Verb "laufen", dem Substantiv "Haus", dem Adjektiv "gestreift" und dem Adverb "oben" können "Vorstellungsbilder" assoziiert werden.
 
 
Zu dem hier aufgeführten Hilfsverb "ist", dem bestimmten Artikel "der" und der Konjunktion "und" lassen sich keine Vorstellungsbilder assoziieren.
 

Zu den Wörtern aus der Kategorie "Inhaltswörter" kann man im Allgemeinen eine eigenständige Bedeutung mit einem mehr oder weniger hohen Abstraktionsgrad assoziieren. Wörter aus der Kategorie "Funktionswörter" haben eine grammatikalische Funktion, keine eigenständige Bedeutungsfunktion. Sie sind dazu da, Äußerungen in Form von verständlichen Aussagen nach den grammatikalischen Regeln der jeweiligen Sprache zu bilden. Sie werden deshalb im Rahmen der Beschreibung von Entwicklungsvorgängen im Bereich der Grammatik behandelt.

Die ersten Inhaltswörter, die das Kind erwirbt, sind Bezeichnungen für Objekte, Personen, Ereignisse, Vorgänge und Handlungen aus dem unmittelbaren Lebensbereich der Familie, z.B. Namen von Personen, Haustieren, Bezeichnungen von Spielgegenständen, Handlungsbezeichnungen usw. Alle diese frühen Wörter haben Referenten (Bezugsobjekte), die anschaulich erlebbar, d.h. wahrnehmungsmäßig gut erfassbar sind. Mütter benennen anfangs fast ausschließlich Objekte, auf die man auch zeigen kann. Sie sprechen mit ihrem Kleinkind noch nicht über "die Welt", "das Glück" oder andere abstrakte Weltausschnitte. Doch schon im 2. Lebensjahr werden zunehmend auch Wörter gebraucht, deren Verstehen einen höheren Abstraktionsgrad vorausetzt.
Im nachfolgenden Dialog wird ersichtlich, wie die Mutter erstmals ein für das Kind neues Wort - "der Rest" - einführt und eine erste begriffliche Strukturierung vornimmt. Der Begriff "Rest" hat zwar anschauliche Dimensionen, sein Verständnis setzt aber immer eine Abstraktion von den konkreten Bezugserscheinungen voraus. Das Kind wird diesen Begriff um so schneller entwickeln und folglich dann auch seine Bezeichnung, das Wort "Rest", bezugssicher gebrauchen, je mehr kontextvariierte Bezüge es im Gebrauch von seinen sprachgebenden Personen erfährt. Ähnlich verhält es sich mit Alltagsbegriffen wie "Ecke", "Lücke", "Familie", "Wetter", "Zimmer" oder Oberbegriffen wie "Fahrzeuge", "Tiere", "Menschen" u.a., die im Gegensatz zu anschaulich leicht erfassbaren Objektbegriffen wie "Auto", "Blume", "Ente" einen höheren Abstraktionsgrad bei der Bildung der invarianten Merkmale erfordern.
 
 
ALTER:     1;4,26
SITUATION: S. zeigt auf eine Uhr, die er gerade
           beim gemeinsamen Bilderbuchbetrachten
           mit der Mutter entdeckt hat und 
           äußert:
KIND:      dida
MUTTER:    tick tack ja, eine Uhr, tick tack und
           die Puppen guck ma, der Teddybär,
           der is kaputt siehst de, der Kopf
           is ab, siehst de hier? Hier is der
           Rest, der Bauch und die, die
           Pfoten und die Arme alles extra,
           alles kaputt siehst de? oh muss alles
           wieder ganz gemacht werden, ham die
           Kinder kaputt gemacht nich? Stefan
           macht ja auch kaputt ne? hm, machst
           du auch was kaputt?
GIF-Grafik zum Spracherwerb: Situationen und Wortbedeutung
 
In diesem Dialog wird das Kind erstmals mit der Begriffsbezeichnung "Rest" vertraut gemacht. Damit das Kind dieses Wort bedeutungssicher gebrauchen kann, muss es noch zahlreiche andere Anwendungssituationen erfahren können, in denen nur auf das Begriffstypische referiert wird. Das könnten z.B. folgende Spielsituationen sein:

  • beim Spiel im Sand wird auf den übriggebliebenen Sand hingewiesen: "Hier ist noch der Rest!"
  • beim Spiel mit Spielgeld wird das Kind gefragt: "Und wo ist der Rest?"


Dabei ist zu beachten, dass jedes Kind in seiner Familie mit familienspezifischen Situationen konfrontiert wird, in denen erstmals neue Begriffsbezeichnungen angeboten werden.
Aus diesen Beispielen lässt sich folgendes "Lernschema" für das frühe Lernen von Inhaltswörtern ableiten:

1. Suche beim Hören eines neuen Wortes ein passendes 
   Bezugsobjekt in der Gegenstandswelt. 
2. Binde das gehörte Wort an die entdeckte Bezugsgröße
3. Vergleiche beim erneuten Hören des Wortes in einem
   anderen Situationskontext diese neue Bezugsvariante
   mit vergangenen Bezugsweisen
4. Ermittle das Gemeinsame, abstrahiere von Unwesentlichem
5. Gebrauche das neue Wort nur für einen Bezug auf
   Instanzen der gleichen Kategorie. 



Abb.: Das Kind zeigt auf eine Sommerhose (Alter: 2;10)


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Diese Seite ist Bestandteil des Informationsangebotes "Die frühe Sprachentwicklung des Kindes"
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Autor: Bernd Reimann © 1998-2017



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