"...die Zeit und der Raum sind keine fertig vorgegebenen Kategorien, die in irgendeiner Weise schon vor unserer Tätigkeit und unserer Intelligenz existieren. Verlangend und handelnd in Richtung unserer Wünsche schaffen wir zugleich Raum und Zeit; wir leben und die Welt (oder das, was wir so nennen) entsteht vor unseren Augen."
J.-M. Guyau 1890, Die Entstehung des Zeitbegriffs




Abb.: Erstmalige Verwendung eines "Zeitsubstantives", um auf einen gerade beendeten Vorgang Bezug zu nehmen (Alter: 1;10)


Das Bedürfnis und auch die Notwendigkeit, mit den Mitteln der Sprache auf Objekte, Personen, Handlungen, Ereignisse oder eigene Erlebnisse Bezug nehmen zu können, die nicht im Wahrnehmungsumfeld der aktuellen Sprechsituation präsent sind, kann als die Haupttriebfeder der individual- und stammesgeschichtlichen Entwicklung der Sprache angesehen werden. Die Sprache wäre auch nicht unbedingt erforderlich, wenn sie nur dazu da wäre, die Gegebenheiten, die man im Umfeld sieht, zu benennen. Man könnte - wie dies anfangs sehr häufig einjährige Kinder tun - auf sie zeigen, den Kommunikationspartner zum Gegenstand hinführen oder das Objekt zum Kommunikationspartner bringen. Allerdings müsste man dann immer mit seinem Kommunikationspartner den Raum aufsuchen, in dem beispielsweise die zeigbaren  Objekte, Vorgänge, Abläufe oder Personen zu sehen sind oder man müsste all diejenigen Dinge mit sich "herumschleppen", über die man mit einem Partner kommunizieren will. Insofern "entlastet" eine Sprache mit Mitteln für einen Raum- und Zeitbezug ihre Sprecher erheblich.

Nichtsprachliche Mittel, mit denen man in einen anderen Raum und in eine andere Zeit als die gegenwärtige verweisen kann sind:

  • Zeigegeste: zeigen in die Richtung eines anderen Raumes oder Ortes
  • Alltagsgebärden für "vergangen" und "bevorstehend": Hand heben und kurz nach hinten (vergangen) oder nach vorn (zukünftig) abwinken; derartige Gesten werden häufig von Menschen mit Hörbehinderungen aber auch unbewusst in der Alltagskommunikation unter Hörenden gebraucht



Abb.: Das Kind fragt spontan (Alter: 3;1)


Ein interessantes Phänomen ist in der frühen Sprachentwicklung zu beobachten: Etwa zum gleichen Zeitpunkt, zu dem das Kind erste differenziertere Mittel für einen  Vergangenheitsbezug gebraucht, verwendet es auch neue sprachliche Mittel für entferntere Orte.

Einige wichtige sprachliche Mittel für einen Raum- und Zeitbezug sind:

Lexikalische Mittel Flexionsmorphologische Mittel
Verben ("Zeitwörter")
Mit den Verben wird ein bestimmter Bezug zum "Zeitfluss" hergestellt. Die Verbwahl kann beinhalten:
- einen Bezug auf einen Zustand ("liegen"), Vorgang ("regnen") oder eine Handlung ("geben")
- einen Bezug auf eine interne zeitliche Struktur z.B. eines Ereignisses ("abfliegen"=beginnendes Ereignis, "ankommen"=endendes Ereignis)
- in Verbindung mit anderen lexikalischen Mitteln einen Bezug auf einen zeitlichen Verlauf ("kommt gerade")

Tempusmarkierungen: eine Handlung, ein Vorgang oder ein Ereignis werden zeitlich lokalisiert, indem Laute/Silben verändert und/oder hinzugefügt werden.
Beispiele für ein schwaches Verb (holen) und ein starkes Verb (geben) sind:
- Präsens: hole/holt, gebe/gibt
- Präteritum: holte, gab
- Perfekt: hat geholt, hat gegeben
- Plusquamperfekt: hatte geholt, hatte gegeben
- Futur I: wird holen, wird geben
- Futur II; wird geholt haben, wird gegeben haben
Substantive
- alle Substantive, die auf einen anderen Ort oder einen anderen Raum als den verweisen, den die Sprecher einnehmen ("Zimmer", "Garten", "Hamburg"...)
- Alle Substantive, die auf eine bestimmte Zeit oder einen bestimmten Zeitabschnitt verweisen ("Ende", "Schluss", "Abend", "Mittwoch", "Jahr"..)

keine Markierungen der Zeit vorhanden
Adverbien
- für einen Raumbezug: hier, dort, hinten, oben, da vorne, zwischen, außerhalb, weit weg,....
- für einen Zeitbezug: jetzt, nachher, wieder, gestern, bald, früher,.....

Adverbien sind nicht flektierbar
Partikeln
- für einen Zeitbezug: noch, schon, erst

Partikeln sind nicht flektierbar

Zeit- und Raumbezugsmittel sind Kernelemente der kommunikativen Kompetenz. Die Bedeutung dieser Mittel wird besonders deutlich, wenn man sie aus den alltagssprachlichen Äußerungen herausnimmt. Das Mitgeteilte wird hochgradig vieldeutig oder völlig unverständlich.



Abb.: Das Kind fragt spontan (Alter: 2;11)


Die ersten sprachlichen Bezüge auf zeitlich nicht Gegenwärtiges verwendet das Kind etwa in der Mitte des 2. Lebensjahres. Meist sind es sog. Aktionswörter, die es im Zusammenhang mit Vorgängen des Verschwindens von Gegenständen, Weggehen von Personen oder Aufhören eines Vorganges oder Ablaufes gehört hat. Für deutschsprachige Kinder ist es häufig "alle alle" und/oder "weg", für englischsprachige Kinder "gone". Etwa im letzten Drittel des zweiten Lebensjahres erscheinen erste Adverbien der Wiederholung ("nochmal", "wieder"), da das Kind in dieser Zeit besonders Gefallen am Wiederholen eigener effektvoller Handlungen und von anderen ausgeführten Aktionen hat. Mit etwa 3 Jahren beginnt es, Zeitadverbien wie "gestern" und "morgen" zu verwenden. Aber bis diese Zeitadverbien semantisch korrekt gebraucht werden, vergehen etwa zwei weitere Jahre. So kommt es häufig vor, dass das Kind am Nachmittag ein Ereignis am Vormittag zeitlich mit "gestern" einordnet. In der nachfolgenden Abbildung ist die Entwicklung der kognitiven Grundlagen für sprachlich abgebildete Zeitbezüge dargestellt.

GIF-Grafik zum Spracherwerb: Entwicklung des Zeitverstehens

Mit etwa 6 Jahren kann das Kind folgende Relativität verstehen: "Morgen sagen wir zum heutigen Tag gestern.". Mit etwa 9 Jahren besitzt das Kind ein Zeitkonzept, das es ihm ermöglicht, zwei zeitgleiche Ereignisse in verschieden entfernten Räumen als zeitgleich auf einem objektiven "Zeitstrahl", z.B. der Uhrzeit, einzustufen.

Die Zeitbezugsmittel sind die wichtigsten sprachlichen Mittel, um Ereignisse, Vorgänge und Handlungen in Form von Mitteilungen, Berichten, Beobachtungsschilderungen, Erzählungen u.a. in ihrer zeitlichen Lokalisation und Abfolge korrekt darzustellen. Diese Mittel hört das Kind in der sprachlichen Interaktion mit seinen engsten Bezugspersonen. Hier erfährt es auch, wie diese Mittel eingesetzt werden, d.h. wie genau etwas zeitlich präzisiert wird, welche Dinge der Vergangenheit besonders erzählwürdig sind, welchen Personen man was erzählt, usw. Damit sind sie auch grundlegende Bedingungen für die mit der Identitätsentwicklung so eng verbundene narrative Kompetenz.


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Diese Seite ist Bestandteil des Informationsangebotes "Die frühe Sprachentwicklung des Kindes"
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Autor: Bernd Reimann © 1998-2017



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