"Die zugrundeliegende semantische Kompetenz des Kindes ist differenzierter als die Oberflächenstruktur seiner Äußerungen. Das heißt, das Kind weiß um mehr Arten von Zusammenhängen, als es durch den Gebrauch rein sprachlicher Mittel zeigen kann."
D.I. Slobin 1974, Universalien der grammatischen Entwicklung bei Kindern.




Abb.: Beim Entdecken eines Fuchses (Alter: 2;11)


Präpositionen treten in der Kindersprache etwa ab der Mitte des 3. Lebensjahres im initiativen Sprachgebrauch auf. In Nachahmungen (unmittelbar und zeitversetzt) können sie z.T. auch früher beobachtet werden. Ihr relativ spätes Erscheinen liegt daran, dass sie an das Auftreten anderer Elemente/Einheiten im Satz gebunden sind. Sie erscheinen nicht vor Substantiven, Adverbien und Pronomen.

Zu Beginn können im kindlichen Sprachgebrauch ganz normale "Fehlbildungen" beobachtet werden. Das liegt daran, dass Präpositionen in der Angebotssprache nicht eindeutig semantisch bestimmt gebraucht werden (Polysemie). In den folgenden Übersichten sind typische Gebrauchskontexte für Präpositionen dargestellt.
Das Kind muss lernen, dass z.B. der übertragene Gebrauch nicht mit "wortwörtlichen" Inhaltsbezügen übereinstimmt.

Beispiele für Erscheinungsformen der Präposition "auf"
in der kindlichen Sprachumgebung:
"Die Schokolade liegt auf dem Tisch." "Ich gehe mal auf den Boden." "Papa ist auf Arbeit." "Oma hat auf den Brief geantwortet." "Du willst immer alles auf einmal machen." "Das Handy ist auf Empfang." "Die Bahn kommt auf die Minute genau." "Wir warten auf den Opa." "Das kannst du auf Standby schalten." "Der Fuchs liegt auf der Lauer." "Das klappt ja auf Anhieb!" "Achte auf den Weg!" "Da musst du auf der Hut sein!" "Das Geld liegt auf der Bank." "Der Igel ist stolz auf seine Leistung." "Tante Lisbeth steht auf Grönemeyer."


Probleme der Aneignung der Semantik können sich daraus ergeben, dass das Kind Sätze hört, in denen Präpositionen bei gleichbleibendem Satzkontext je nach Bedeutungslage (z.B. je nach Ortsbeziehung) ausgetauscht werden, in anderen nicht. Besonders beim übertragenen Gebrauch ist ein Austausch mit anderen Präpositionen nicht möglich (z.B. bei "stolz sein auf").

Beispiele für den Gebrauch verschiedener Präpositionen
in Sätzen mit der gleichen Bedeutung:
"Tante Lisbeth geht auf's Postamt." "Tante Lisbeth geht in's Postamt." "Tante Lisbeth geht zum Postamt."
"Fred ist auf Arbeit." "Fred ist zur Arbeit." "Fred ist wieder in Arbeit."


Gebrauch der Präposition "auf" bei Verben, die eine Bewegung bezeichnen:
"Der Hund läuft auf die Straße." (zielgerichtet, Akkusativ) "Der Hund läuft auf der Straße." (nicht zielgerichtet)


Es scheint, als ob zu Beginn des Bedeutungserwerbs von Präpositionen für kurze Zeit eine sog. "default"-Bedeutung gebildet wird. Eine Art "Grundeinstellung", die später erweitert und modifiziert wird, aber zunächst auch überverwendet wird. Sie entsteht aus der Synchronisation von typischen Situationsereignissen und deren sprachlicher Situationsinterpretation.

In den Sätzen
"Die Schokolade liegt auf dem Tisch." (als das Kind die Schokolade sucht)
"Stelle den Teller bitte auf den Tisch."(als es einen Teller wegbringen will)
ist der Ortsbezug das eindeutige Bedeutungsmerkmal für "auf" (im Sinne von "auf einer Fläche"). Folglich wird "auf" die Kernbedeutung "auf etwas drauf" zugeschieben. Treten dann Situationen auf, in denen aus der Perspektive des Kindes lokal etwas auf etwas anderem ist, treten dann solche Bildungen auf wie
"Auf die Lücke fahren!" (als es aus der Perspektive des Fahrrad-Kindersitzes eine Lücke in der Bordsteinkante sieht).

Beispiele für Erscheinungsformen der Präposition "in"
in der kindlichen Sprachumgebung:
"Die Schokolade liegt im Kühlschrank." "Ich gehe mal in den Keller." "Papa ist in der Stadt." "Deine Ente ist in der Badewanne." "Herr Feldbaum ist in einer Besprechung." "Der Kater ist in die Jahre gekommen." "Er ist noch in Beschäftigung." "Oma kommt in zwei Tagen." "Sie kauft das Kleid in blau." "Sie singt in deutsch."

Im 3. und 4. Lebensjahr sind Verwechslungen von Präpositionen keine Seltenheit. Die "Begegnung" mit zahlreichen Hörkontexten, in denen Präpositionen variationsreich gebraucht werden, spezifizieren allmählich deren typische Verwendungsweise.

ALTER:       3;3
SITUATION:   Als das Kind Milch bekommt, wird es gefragt:
ERWACHSENER: Willst du Kakao rein haben?
KIND:        Aber nicht mit der Oma!
(Damit meint es eine Packung mit Erdbeergeschmack, die es von der Oma
geschenkt bekam. Diese und eine Dose mit Kakao-Pulver standen zur
Auswahl.)




Abb.: Rückfrage des Kindes (Alter: 3;2)


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Diese Seite ist Bestandteil des Informationsangebotes "Die frühe Sprachentwicklung des Kindes"
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Autor: Bernd Reimann © 1998-2017




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