"Jedes Kind lernt nicht allein zuerst die Sprache derer, in deren unmittelbare täglichem Verkehr es aufwächst, sondern auch zuerst die Eigentümlichkeiten dieser Persönlichkeiten. Es ahmt den Akzent, Tonfall, Dialekt usw. ebenso nach wie das Wort, so dass man bereits sicher im 2. und 3. Jahr ein thüringisches Kind von einem mecklenburgischen usw. unterscheidet und zugleich die Eigenheiten der Sprache seiner Mutter oder Wärterin, mit der es am meisten verkehrt, wiedererkennt."
W.Th.Preyer 1882, Die Seele des Kindes




Abb.: Das Kind sieht den Geburtstagskuchen vom Vortag (Alter: 3;0)


Partikeln sind eine Wortgruppe mit einer besonderen Bedeutung in der dialogischen Alltagssprache. Auf 100 deutsche Gesamtwörter entfallen nach Weydt (1983) 13 Partikeln. Sie haben eine entscheidende kommunikative Bedeutung.
Mit Hilfe der Partikeln wird die Äußerung semantisch oder pragmatisch modifiziert.


Man unterscheidet u.a.:
- Abtönungspartikeln: sie drücken die Stellung des Sprechers zum Gesagten aus und sie beziehen sich auf den ganzen Satz.
- Gradpartikeln und Steigerungspartikeln: sie geben dem Satz eine bestimmte Bedeutungsrichtung und sie beziehen sich auf Teile des Satzes.
Partikeln können im Satz weggelassen werden, ohne dass er ungrammatikalisch wird.
Nach empirischen Studien des Verfassers treten von den 105 in der deutschen Sprache auftretenden Partikeln bereits 9 (ca. 8%) im Alter von 2;0 - 3;0 auf.


Beispiele:
"noch"
- Gradpartikel mit der Funktion einer Steigerungsverstärkung - Gradpartikel mit der Funktion der zeitlichen Einordnung eines Sachverhaltes,
so dass der Endpunkt seines Zutreffens später als erwartet liegt - Gradpartikel mit der Funktion des Ausdrucks einer Hinzufügung

"doch"
- Abtönungspartikel mit der Funktion der Kundgabe eines gewissen Widerspruches - Abtönungspartikel mit der Funktion des Ausdrucks einer gewissen Überraschung

"mal"
- Abtönungspartikel mit der Funktion einer Veränderung der Handlungsbedeutung vom
"Befehl" zur höflichen Aufforderung

Beispiele für den Gebrauch verschiedener Partikeln
2;0 "Ich mal ein Turm bauen wollen." 2;1 "Saukel mal noch dehn." (zur Schaukel mal noch gehen) "Hase auch noch waschen." 2;2 "Gucken Eis noch da is." "Der Junge fährt ganz schnell." "Ich noch Milch trinken." 2,3 "der bleibt noch hier." 2;4 "Da is noch mehr Pusteblume." 2;5 "Ganz schmeckt gut!" 2;7 "Hier is'er doch!" 2;8 "Der Onkel macht bloß die Raße (Straße) sauber."


In dem folgenden Dialog gebraucht das Kind im initiativen Eröffnungsbeitrag ein Zeitadverb und die zeitbezogene Partikel "noch", um auf die begehrten Schokoladenfiguren zu verweisen.

ALTER:       3;1
SITUATION:   Das Kind möchte, dass seine Schokoladenfiguren
             (ein Huhn und Eier) aus dem Kühlschrank geholt werden,
             die wegen großer Wärme seit dem Vortag dort
             liegen. 
KIND:        Noch gibt'es bald Huhn, ob des Huhn noch gibt?
ERWACHSENER: Oh das Huhn gibt's noch, möchts'de das jetz ham?
KIND:        Ja.....auch die Eiers?
ERWACHSENER: Nee, die Eier kriegst'de nich.
KIND:        Warum?
ERWACHSENER: Das wird zu viel.


Das frühe Auftreten von Partikeln in der kindlichen initiativen Sprache scheint ein Indikator für ein differenziertes elterliches Sprachangebotsverhalten zu sein. Insbesondere gleiche Partikeln mit mehrfacher Bedeutung, die je nach Kontext/Mitteilungsabsicht ihre Funktion ändern, tragen dazu bei, ein flexibles Sprachgefühl für Bedeutungsveränderungen eines ganzen Satzes zu entwickeln.

Noch im 6. Lebensjahr kann mitunter ein gezieltes Erfragen der Bedeutung einer Partikel beobachtet werden (siehe Abbildungsbeispiel)



Abb.: Gezieltes Bedeutungs-Erfragen (Alter: 5;3)


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Diese Seite ist Bestandteil des Informationsangebotes "Die frühe Sprachentwicklung des Kindes"
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Autor: Bernd Reimann © 1998-2017




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