"Das sprechenlernende Kind ist ebensowenig eine bloße Wiederholungsmaschine wie ein souveräner Sprachschöpfer; sondern nur im Zusammenspiel von Nachahmung und Spontaneität kommt seine Sprachentwicklung zustande."
W. Stern 1923, Psychologie der frühen Kindheit




Abb.: Ein neues Wort nachahmend aufnehmen (Alter: 2;1)



Das Nachahmen von gehörter Elternsprache ist eine auffällige Erscheinung im alltäglichen Dialog mit dem 2- und 3jährigen Kind. Die Nachahmung ist jedoch kein einheitliches Phänomen. Sie tritt in bestimmten Altersabschnitten unterschiedlich intensiv auf, und es gibt verschiedene Formen von Nachahmungen.
Die echohafte Sofortnachahmung ohne Bedeutungserfassung eines gehörten Wortes oder Satzteiles kann als die "Urform" betrachtet werden. Sie ist bereits ab dem vollendeten ersten Lebensjahr zu beobachten. Das Verstehen erschöpft sich in lautem Nachsprechen. Mit zunehmendem Aufbau lexikalischer Bedeutungsstrukturen im Sprachgedächtnisses in Form sog. semantischer Netzwerke wird das Gehörte inhaltlich verstanden und ggf. leise - über die innere Sprache - nachgesprochen, bis die Bedeutungsstruktur identifiziert ist. Dies vollzieht sich jedoch in äußerst kurzen Zeiträumen.
Analysen kindlicher Nachahmungsaktivitäten lassen auf folgende Entwicklungsabfolge schließen:

1.PHASE (ab etwa 1;0): Unmittelbare Sofortnachahmung
Das Kind ahmt eine gehörte Äußerung oder endständige Teile von ihr sofort - echohaft - nach. Die wahrgenommenen Äußerungen können noch nicht mit gespeicherten bedeutungstragenden phonetischen Mustern verglichen und identifiziert werden, da sich diese erst im Aufbau befinden.
Aber, und das ist von wichtiger pragmatischer Bedeutung, das Kind nimmt durch diese Nachahmung die Gesprächsrolle des Reagierenden ein.
 
LISA
ALTER:       1;1,0
SITUATION:   Die Mutter zeigt Lisa einen Apfel und äußert:
ERWACHSENER: Ein Apfel!
KIND:        abwa

PETER
ALTER:       1;3,1
SITUATION:   Beim gemeinsamen Spiel wird vor dem Kind eine
             Reihe aus verschiedenfarbigen Bechern aufgebaut.
	     Als sie fertig ist, äußert die Mutter:
ERWACHSENER: Eine Reihe!
KIND:        eie

2.PHASE (ab etwa 1;9): Nachahmungen mit Zeitverzug
In diesem Entwicklungsabschnitt lässt sich zusätzlich eine Nachahmung mit Zeitverzug beobachten. Zwischen gehörter Modelläußerung und ihrer Nachahmung liegt eine Latenzzeit von etwa 1-5 Sekunden. Dies weist offensichtlich auf erste bedeutungsanalytische Prozesse nach der Wahrnehmung hin.
 
LISA
ALTER:       1;9,5
SITUATION:   Beim gemeinsamen Bahnfahren wird aufmerksam aus
             dem Fenster geschaut. Die Mutter macht das Kind
             auf eine andere Bahn aufmerksam:
ERWACHSENER: Da steht auch eien Eisenbahn!
KIND:        Da au Eitebahn deht. [nach ca 5 Sek.]

PETER
ALTER:       2;2,3
SITUATION:   Der Vater bemerkt, wie das Kind sehr interessiert
             einen großen vorbeifahrenden Sattelschlepper
             beobachtet und äußert:
ERWACHSENER: Ein Sattelschlepperauto!
KIND:        Sepperauto [nach etwa 2 Sek. aufmerksamen
             Beobachtens]

3.PHASE (ab etwa 2;4): Fragende Nachahmung, Nachahmung mit hohem Zeitverzug und Nachahmung mit "eigenen Komponenten"
Ab diesem Altersbereich werden die nachgeahmten Wörter häufig mit einer Frageintonation - im Sinne der Frage "Was bedeutet dies?" - versehen. Es kommen auch Nachahmungen vor, deren Modell vor längerer Zeit gehört wurde (Minuten, Stunden und sogar Tage).Weiterhin kommen Formen vor, in denen Teile aus der Modelläußerung übernommen werden aber mit bereits bekannten, meist lautähnlichen Wörtern assoziiert werden. Dabei wird auch die Wortfolge umgestellt.
 
LISA
ALTER:       2;4,23
SITUATION:   Lisa sieht zu, wie der Gasherd eingeschaltet wird.
             Die Mutter äußert:
ERWACHSENER: An den Knöpfen kannst du nicht spielen. Wenn
             du am Knopf drehst, kommt Feuer raus.
KIND:        Wenn Nopf drehen, Feuer raus. [nach ca. 30
             Minuten, als sie wieder zum Gasherd ging]

PETER
ALTER:       2;8,11
SITUATION:   Peter hört eine Ankündigung der Mutter:
ERWACHSENER: Wir wollen mit'n Auto zum Markt!
KIND:        Zum Markt?




Abb.: Sofortnachahmung beim Hören einer neuen Bezeichnung (Alter: 1;9)


Nachahmungen sind eine ganz normale Erscheinung im frühen Spracherwerb. Sie dürften bei jedem Kind, jedoch mit unterschiedlicher Intensität zu beobachten sein. Sie treten besonders in Alltagsdialogen auf, in denen das Kind neue Sprachstrukturen wahrnimmt. Das Kind lernt nicht durch Nachahmen die Sprache, sondern es signalisiert damit in lauter Form, dass es gehörte Sprache wahrgenommen hat.





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Autor: Bernd Reimann © 1998-2017