"Wenn sie ein Kind dieses Alters (ca. 3 Jahre) fragen, wann eine Kuh Kuh heißt, antwortet es: 'Weil sie Hörner hat' oder 'Weil sie Milch gibt'. Wenn sie fragen, ob man die Kuh auch anders nennen könnte, so verneint es. Fragen sie es, ob man die Sonne Kuh nennen könnte, dann sagt es, das sei unmöglich, weil die Sonne gelb ist und die Kuh Hörner hat. Das Wort ist für das Kind entweder die Bezeichnung des Gegenstandes selbst oder eine seiner Eigenschaften, die das Kind nur schwer vom Gegenstand trennen kann."
L. Wygotski 1930, Arbeiten zur psychischen Entwicklung der Persönlichkeit




Abb.: Als das Kind erneut ein kaputtes Auto wiedersieht (Alter: 3;1)


Zu Beginn des 3. Lebensjahres benutzt das Kind seine Sprache immer mehr, um das zu tun, was es im kommunikativen Ausdrucksverhalten seiner primären Bezugspersonen fast täglich wahrnimmt. Dazu gehört u.a.:





Abb.: Das Kind zeigt seinen mit Bausteinen gefüllten Einkaufsbeutel (Alter: 2;9)


Da sich die grammatikalischen Gestaltungsmittel der Sprache des Kindes in Entwicklung befinden, kann es seine gemeinte Bedeutung mit den zur Verfügung stehenden Mitteln noch nicht genau formulieren. Interessant ist dabei, dass das Kind offensichtlich über einen semantischen Aussage-Kern verfügt, der nur noch nicht korrekt in die grammatikalische Gestaltungsebene überführt werden kann.

In der nachfolgenden Tabelle sind Äußerungen aus Alltagsdialogen dargestellt, an denen deutlich wird, dass ein Hörer, der die Situation nicht kennt, in der gesprochen wurde, die wahre Bedeutung der Äußerung nur schwer entschlüsseln könnte. Da die Mutter (oder der Vater) in diesen Situationen jedoch unmittelbar dabei war und die sprachlichen Ausdrucksvarianten ihres Kindes gut kennt, interpretiert sie diese semantisch vieldeutigen Äußerung (oft ohne Rückfragen) völlig im Sinne des Kindes.
 
Alter und Situation Äußerung des Kindes Das "Meinen" des Kindes
2;7: Das Kind möchte, dass der Vater sich in der Straßenbahn an der oberen Haltestange festhält. "Da oben hinstellen!" "Da oben festhalten!"
2;7: Das Kind möchte, dass die Mutter ein Spielzeug nicht vom Tisch wegräumt "Mama aufräum' nich meine Tasche!" "Das nicht aufräumen, ich packe das in meine Tasche!"
2;9: Das Kind bringt der Mutter eine Tüte, in die es zuvor zahlreiche Bausteine aus der Spielkiste gelegt hat. "Guck mal, was da rein guckt!" "Guck mal, was da drin ist."
3;0: Als das Kind in der Dämmerung zum Fenster läuft "Es fängt an mit zu dunkeln!" "Es beginnt, dunkel zu werden"
3;1: Als der Vater an einem Wintertag bereits vor dem "Dunkel-Werden" nach Hause kommt "Vati, bist du heute hell gekommen?" Bist du heute gekommen, als es noch hell ist?
3;1: Als die Mutter den Tisch abräumt, greift das Kind nach seiner Schokolade: "Oma in Garten!" "Ich nehme die Schokolade mit in Oma's Garten!"


In der weiteren Entwicklung im 4. Lebensjahr verfeinern sich die grammatikalischen Gestaltungsmittel. Dem Kind gelingt es zunehmend, einem Kommunikationspartner etwas mitzuteilen, so dass dieser den Mitteilungsinhalt auch ohne Situationskenntnisse interpretieren kann. In diesem Prozess wird die eigentliche Funktion der Grammatik einer Sprache deutlich: Mittel bereitzustellen, die es erlauben, u.a. Ereignisse, Vorgänge und Handlungen von Personen so darzustellen, dass der Hörer nur aus dem Gehörten die Aussagebedeutung entnehmen kann.




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Autor: Bernd Reimann © 1998-2017