"Auch bei den Nebensätzen kann, ähnlich wie bei den Fragesätzen, die einleitende Partikel (die Konjunktion...) längere Zeit unausgesprochen bleiben, also gerade derjenige Sprachbestandteil, der für den theoretischen Grammatiker erst den Charakter des Nebensatzes bestimmt. W. Stern, 1923, Psychologie der frühen Kindheit




Abb.: Spontane Erinnerung an einen zwei Wochen zurückliegenden Gesprächsinhalt der Mutter, den das Kind mithörte (Alter: 3;3)



Konjunktionen sind die wichtigsten Satz-Verbindungsmittel für die Gestaltung narrativer Inhalte. Mit ihnen lassen sich Zusammenhänge wie z.B. Zugehörigkeiten und Abhängigkeiten mitteilen.
Hinweis zu Konjunktionen:
Nebenordnende (beiordnende, koordinierende) Konjunktionen sind: und (kopulativ, verbindend), oder (alternativ), aber, sondern (adversativ, entgegensetzend), denn (kausal).
Unterordnende (subordinierende) Konjunktionen sind: weil, da (kausal), wenn (konditional, bedingend), obwohl (konzessiv, einräumend), nachdem, als , bevor, bis, seit, wenn (temporal), damit, dass (final, zweckbezogen), dass, um (konsekutiv, auf die Folge bezogen), indem (modal, Art und Weise bezeichnend), als, wie (vergleichend), außer (restriktiv, einschränkend).

Alter:
2;4 2;8 2;8 2;9 2;10
Konjunktion:
und und (dann) weil trotzdem damit
semantisches Merkmal:
koordinierend (aufzählend, reihend) koordinierend (zeitliche Aufeinanderfolge) subordinierend (Angabe des Grundes)* subordinierend (einräumend) subordinierend (Zweckangabe) * noch nicht semantisch korrekt

Der Gebrauch von Konjunktionen weist darauf hin, daß das Kind in der Lage ist, mit sprachlichen Mitteln Beziehungen zwischen sprachlichen Einheiten (Wörtern, Wortgruppen und Sätzen) herzustellen. Mit dieser sprachlichen Beziehungsknüpfung wird zugleich eine Bedeutungsbeziehung zwischen den verbundenen sprachlichen Einheiten angezeigt. Etwa in der Mitte des 3. Lebensjahres beginnt das Kind, Konjunktionen zu gebrauchen. Dabei ist jedoch - wie bereits beim "Ersterscheinen" neuer sprachlicher Formen in anderen Bereichen - zu berücksichtigen, dass sie zunächst in zeitversetzt reproduzierten Äußerungen (mit oder ohne Modifikation) erscheinen, die an vorangegangenen Tagen in der Erwachsenensprache gehört wurden.



Abb.: Das Kind erinnert sich spontan an den Zirkusbesuch vor zwei Tagen (Alter: 2;5)


An den nachfolgend aufgeführten Gebrauchsbeispielen zeigt sich, daß die Kinder das koordinierende "und" mit der semantischen Funktion der Reihung bzw. Aufzählung zuerst gebrauchen, es jedoch Bestandteil früher gehörter Sätze ist. Das aufzählende "und" erscheint in initiativen Dialogbeiträgen mit einer Ausformulierung der verknüpften Wörter oder Wortgruppen. In reaktiven Dialogbeiträgen erscheint es in Form eines Ergänzungssatzes: das Kind ergänzt (einleitend mit "und") den früher gehörten, aber jetzt nicht angebotenen aufzählenden Teil der Äußerung. Ähnliches Sprachverhalten zeigt sich auch beim Gebrauch der Konjunktion "weil", die zuerst in reaktiven Dialogbeiträgen in einer nur den Grund angebenden "Ergänzungsäußerung" erscheint. Diese Äußerung ist meist nur der kausale, mit "weil" eingeleitete Nebensatz der früher gehörten Äußerung. Die frühen, nicht zeitversetzt reproduzierten "weil"-Äußerungen werden semantisch noch nicht korrekt gebraucht (siehe Dialoge).

Dialogbeispiele für den Gebrauch von "und" in einem initiativen und reaktiven Dialogbeitrag des Kindes:

ALTER:       2;5
SITUATION:   Das Kind sieht einen Roller auf einem Bild und
             äußert:
KIND:        Hab' ich fahren, guck mal so, ein Bein rauf und an Lenker
             fassen.

ALTER:       2;9
SITUATION:   Das Kind hört eine Bildgeschichte erneut (einer Katze
             fällt das Haus auf den Kopf):
ERWACHSENER: Die hat Stöcker und Steine auf die Arme, die Beine
             bekommen
KIND:        und bei die Augen, bei die Beine, bei den Kopf


Dialogbeispiel für den Gebrauch von "trotzdem" in einem reaktiven Dialogbeitrag des Kindes:

ALTER:       2;9
SITUATION:   Das Kind sieht, wie der 10monatige Bruder eine Tasse Kaffee
             umschüttet:
KIND:        Hat-er nich' auf-e-passt
ERWACHSENER: Holger ist noch klein, der weiß das noch nicht
KIND:        Kann er rotzdem (trotzdem) machen!


Dialogbeispiele für den Gebrauch von "weil" in einem initiativen und reaktiven Dialogbeitrag des Kindes:

ALTER:       2;10
SITUATION:   Während die Mutter dem Kind nach dem Aufstehen beim
             Ankleiden hilft, teilt es spontan mit:
KIND:        Ich hab' fein geschlafen, weil ich gehustet habe.
ALTER:       3;4
SITUATION:   Nachdem das Kind aufgefordert wurde, zum Abendessen zu
             kommen:
KIND:        Ich hab' kein Hunger!
ERWACHSENER: Warum hast'n kein Hunger?
KIND:        Na weil ich gestern Abendbrot morgen früh gegessen habe!





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Autor: Bernd Reimann © 1998-2017