"Das Kind gibt wie ein Pantomime durch seine Mienen und Gebärden und außerdem durch Schreilaute eine Fülle von Beweisen seines Verständnisses und seines Begehrens, ohne selbst ein einziges Wort auszusprechen."
W. Th. Preyer 1882, Die Seele des Kindes





Das Hören der Sprache der engsten Bezugspersonen ist eine Hauptbedingung für den kindlichen Spracherwerb. Die gesprochene Sprache der Mutter wird bereits vor der Geburt wahrgenommen. Über die Knochenleitung (Wirbelsäule) gelangen Eindrücke von der Klangfarbe und dem Rhythmus der mütterlichen Stimme an das kindliche Ohr. Besonders tiefe Klänge (die zeitliche und rhythmische Informationen enthalten) werden gut wahrgenommen.
  Säuglinge sind von Geburt an darauf vorbereitet, irgendeine sprachspezifische Auswahl aus dem möglichen Vorrat an phonetischen Kontrasten zu treffen. Die Mutter gibt mit ihrer fein auf die Wahrnehmungsvoraussetzungen abgestimmten Babysprache das Ziel dieser Auswahl vor. Die besonders attraktiven Merkmale der Babysprache sind im Vergleich zur Erwachsenensprache:


Die Babysprache scheint eine kulturspezifische Antwort auf die Anforderungen der entwickelten Industriegesellschaften zu sein. Da Mütter nicht mehr wie das noch heute bei eigenständig lebenden Kulturvölkern der Fall ist, ihren Säugling fast über die ganze Tageszeit bei sich tragen können, nutzen sie die zur Verfügung stehende Zeit für intensives Kommunizieren und ein "Sich-Attraktiv-Machen".

Spätestens bis zum 9. Monat "weiß" das Kind, welche Lautkontraste in seiner Umgebungssprache typisch sind. Es kann eine Fremdsprache von der Muttersprache unterscheiden (siehe Abbildung). Das können auch von Geburt an bilingual aufwachsende Kinder. Für sie sind beide Umgebungssprachen dann die vetrauten (Mutter-) Sprachen.

Untersuchungen haben ergeben, dass Säuglinge schon sehr früh (etwa im 5. Monat) die Erfahrung gesammelt haben, dass gesehenes und gehörtes Sprechen zusammengehört. Sie "wissen" z.B., dass der hörbare Vokal [a] zu einem Mundbild mit weit geöffneten Lippen gehört.

Im 9. Monat haben sie auch schon gelernt, dass ein bestimmter Wort-Rhythmus typisch für ihre Muttersprache ist, z.B. dass die häufig in der frühen Angebotssprache erscheinenden Zweisilber (im Deutschen z.B. "Ente", "Puppe", "Eimer", "Tasse" usw.) die wortinterne Betonungsstruktur "Hebung-Senkung" aufweisen.

Wahrnehmungsexperimente haben auch gezeigt, dass bereits 9monatige Säuglinge aufmerksamer auf solche Lautverbindungen hören, in denen die Wahrscheinlichkeit,
- dass ein Phonem an einer bestimmten Stelle steht und
- dass zwei Phoneme gemeinsam erscheinen,
sehr hoch ist.

GIF-Grafik zum Spracherwerb: 3 Allophone des Phonems /r/


Die Muttersprach-Magnet-Theorie

Diese und andere Untersuchungsergebnisse haben KUHL und MELTZOFF (1997) und in weiterentwickelter Form KUHL und Autoren (2008) in der sog. "Muttersprach-Magnet-Theorie" (Native-Language-Magnet-Theory) zusammengefasst, die von folgenden Entwicklungsschritten ausgeht: 

1.Phase: Säuglinge werden mit weite Grenzen umfassenden Kapazitäten für die Wahrnehmung geboren, die den ankommenden Sprechfluss in relevante phonetische Kategorien partitionieren. Die angeborenen perzeptiven Fähigkeiten steuern das Lernen der Laute. Die auditiven Wahrnehmungsgrenzen resultieren aus der Phylogenese und beziehen sich auf die Sprachen der Welt. Das Kind verfügt über einen generellen auditiven Verarbeitungsmechanismus, nicht ein Modul für die Sprache an sich. 
2. Phase: Das Hören der Umgebungssprache führt zu Repräsentationen der Lautstrukturen, zu gespeicherten Lautmustern, die die Verteilungseigenschaften der kindlichen Muttersprache reflektieren. Dies wird durch zwei Fakten gestützt: 1. Die gespeicherten Repräsentationen in Form von Prototypen  bilden einen Magnet-Effekt für andere Laute in der phonetischen Kategorie: Mitglieder der Kategorie werden im perzeptiven Raum geclustert. Die perzeptiven Magneten gestalten den unterliegenden Raum. 2. Die gespeicherten Repräsentationen sind polymodal, d.h. sie haben neben auditiven auch visuelle und motorische Komponenten.
3. Phase: Der perzeptive Raum wird rekonfiguriert, so dass bestimmte angeborene perzeptive Kapazitäten funktionell "gelöscht" werden. Die in der Phase 2 entstandenen perzeptiven Magneten reorganisieren das angeborene Geflecht von Wahrnehmungskapazitäten zu dynamisch funktionierenden Lauterkennungsfähigkeiten. 
 

GIF-Grafik zum Spracherwerb: Entwicklung der Lautspezialisierung

Untersuchungen haben ergeben, dass Säuglinge bis etwa zum 6. Monat auch Lautkontraste aus einer ihnen fremden Sprache unterscheiden können. Ab dem 9. Monat haben sie sich auf ihre Muttersprache "spezialisiert".





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Autor: Bernd Reimann © 1998-2017