Abb.: Unterschiede im Dialog beschreiben (Alter: 3;1)


Die hörbare Sprache der Bezugspersonen im sozialen Umfeld bildet von Anfang an den "Rohstoff" für den Spracherwerb. Deshalb brauchen Kinder sprachmodellierende Personen, vor allem in ihrem familiären Kontext, die einen reichhaltigen Input bereitstellen, aus dem sich das Kind Aufbau- und Verwendungsregeln erschließen kann. Eine besondere Rolle nehmen dabei schon sehr früh das alltägliche Dialogverhalten und die "Lese- und Vorlesekultur" in der Familie ein. Häufigkeit (Quantität) und die Art der sprachlichen Strukturen (Qualität) spielen eine entscheidende Rolle. Neuere Forschungsergebnisse (u.a. Huttenlocher 2010, Rowe 2012) weisen darauf hin, dass vor allem folgende Input-Qualitäten von entscheidender Bedeutung für den Aufbau des kindlichen Wortschatzes sind:


  • Verschiedenartigkeit des Vokabulars (Diversity of Vocabulary)
  • Angebot von anspruchsvollen Wörtern (Vocabulary sophistication); das sind Wörter, die nicht unter den 3000 am häufigsten gebrauchten Alltags-Wörtern sind
  • Nicht kontextbezogene Sprache (Decontextualized utterances)

Bereits im Vorschulalter werden damit auch Entwicklungsrichtungen erkennbar, die mit den Begriffen "Basissprache" und "Bildungssprache" beschrieben werden können.



Abb.: Basis- und bildungssprachliche Beispiele für Verben2


Dialogbeispiel für das frühe spontane Aufgreifen eines neuen Wortes (Verb), das die Bezugsperson vorher angeboten und erklärt hat


ALTER:       1:11
SITUATION:   Das Kind wickelt die Ziehschnur vom Rad der Spielzeugschildkröte ab und 
             äußert zur danebenstehenden Mutter: 
KIND:        Wieder hakt, wieder hakt.
ERWACHSENER: Hakt schon wieder, ja?
KIND:        Hm.
ERWACHSENER: Na das is' ja was!

Unmittelbar vor dieser Dialogsituation bot die Mutter in dem von ihr eingeleiteten Dialog
das Verb auf Ableitungsbasis "verhaken" an. Sie wies auf das um das Rad der Schildkröte
gewickelte Band und äußerte:

ERWACHSENER: Guck mal, hat sich doch verhakt!
KIND:        Ja.
ERWACHSENER: Hm...so. [macht das Rad wieder drehbar]
KIND:        Ich hak', wieder hak.
ERWACHSENER: Verhakt, da hat sich das Band um das Rad gewickelt, aber jetzt is' doch alles
             wieder in Ordnung!




Abb.: Natürliches Wortangebot in einem Erklärungszusammenhang im Alltagsdialog (Alter: 2;11)


1Bei Verben können u.a. durch zusätzliche Wortbildungsteile (Präfixe = vorangestellte Wortbestandteile oder selbständige Wörter) neue Bedeutungsvarianten entstehen. Sie werden als das wichtigste Mittel für den Aufbau des Verb-Wortschatzes angesehen. Man spricht von Wortbildungen durch Ableitungen.

2Die Unterscheidung von "Basissprache" und "Bildungssprache" stammt ursprünglich aus der Zweitspracherwerbsforschung (Cummins, 2008), gewinnt aber zunehmend auch in allgemeinen sprachpädagogischen Zusammenhängen an Bedeutung (Morek und Heller, 2012).


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Diese Seite ist Bestandteil des Informationsangebotes "Die frühe Sprachentwicklung des Kindes"
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Autor: Bernd Reimann © 1998-2017



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